Strassenkehrer, Federn und Regenbogen

Autor: Joep Eikenboom

Joep Eikenboom, Klassen- und Förderlehrer in den Niederlanden, zeigt auf wie wichtig es ist, den Menschen als Ganzes zu betrachten und im Unterricht auf Details Acht zu geben. In diesem Artikel stellt er konkrete Zeichenübungen für Kinder vor, die die richtige Stifthaltung erlernen sollen. Dieser Artikel soll nicht wie ein fertiges Rezept gelesen werden, sondern als eine Starthilfe zum Ausprobieren und sorgfältig beobachten, um dann rückblickend auf die eigenen Erfahrungen zu schauen und die nächsten Schritte zu planen.

„Würde man für solche Dinge im Leben mehr Beobachtungssinn entwickeln, so würde jene Scheußlichkeit in der Schule sich nicht entwickeln, die man heute ja nun leider so oft sieht. Man sieht fast kein Kind mehr, das die Feder oder den Griffel ordentlich hält. Irgendwie wird der Griffel oder die Feder falsch gehalten, weil man nicht Sinn dafür hat, richtig zu beobachten. Das ist überhaupt schwer. Das ist auch in der Waldorfschule nicht leicht. Man kommt sehr häufig in eine Klasse hinein, wo man erst ordentlich aufräumen muss in bezug auf Federhaltung, Griffelhaltung und so weiter. Man sollte in dieser Beziehung gar nicht außer acht lassen, dass der Mensch ein Ganzes ist, dass der Mensch also Geschicklichkeit nach allen Richtungen hin erwerben muss. Also Lebensbeobachtung, das ist es, was auch für die Kleinigkeiten des Lebens der Lehrende, der Erziehende braucht. Und wenn Sie durchaus etwas in Grundsätze geformt haben wollen, so nehmen Sie das als den ersten Grundsatz einer wirklichen pädagogischen Kunst: Du musst das Leben in allen seinen Äußerungen beobachten können.“ (i)

Rudolf Steiner konnte damals schon aufzeigen, wie wichtig der richtige Umgang mit dem Zeichenstift ist. Heute, 100 Jahre später, sehen wir immer mehr Kinder, die Probleme mit der Bewegung und den feinmotorischen Fähigkeiten haben.
Im Folgenden werden Übungen im Formenzeichnen vorgestellt, welche für das Zeichnen und Schreiben wichtig sind und die Entwicklung der Arme und Hände unterstützen. Die Übungen können von der ersten bis dritten Klasse oder auch in allen Altersstufen in einer Einzelstunde aufgegriffen werden. Zuerst führen die Kinder große Bewegungen aus, also von der Schulter ausgehende grobmotorische Gesten mit dem ganzen Arm, während die freie Hand das Papier festhält. Als nächstes bewegt sich nur der Ellbogen, während der Oberarm entspannt neben dem Körper bleibt. Anschließend kommt die Bewegung hauptsächlich aus dem Handgelenk und zum Schluss führen nur die Finger die Bewegung aus. Dabei suchen sich die Kinder immer selbst die Farben aus.

Die erste Übung: DIE KRITZELÜBUNG, aus Audrey McAllens „Extrastunde“ (2)
Auf dem Schreibtisch wird ein großes Stück Papier festgeklebt oder von der freien Hand festgehalten. Das Kind hält 2-3 Farbstifte in der geballten Handfläche und zeichnet damit ohne Unterbrechung Wirbel auf das Papier. Rechtshänder bewegen ihre Hand im Gegenuhrzeigersinn (in Richtung Schwerkraft, wie wenn man einen schweren Teig umrührt) und Linkshänder im Uhrzeigersinn. Das machen die Kinder einige Minuten lang. Dabei bleiben die Fußflächen ganz auf dem Boden, das Papier liegt in der Mitte des Tisches und das Kind sitzt weit hinten auf dem Stuhl, der genau in der Schreibtischmitte steht. Der ganze Arm schwingt über das Papier.

Die zweite Übung: DER STRASSENKEHRER

Ein genauso großes Stück Papier wie in der ersten Übung wird von der freien Hand festgehalten, während die Schreibhand in der unteren rechten Ecke für Rechtshänder (bzw. linken Ecke für Linkshänder) gebogene Linien hin und her zeichnet. Der Ellbogen kann auf der Papierecke der jeweiligen Seite abgelegt oder neben dem Körper gehalten werden, so dass der Unterarm Kontakt mit dem Papier hat und darauf hin und her fegt. Das Papier wird jedes Mal so gedreht, dass am Ende jede Ecke von einer Kurve gekreuzt wird.

Die dritte Übung: DIE WELLEN

Ein kleineres Stück Papier – etwa in der Größe wie beim Formenzeichen – wird wie zuvor von der freien Hand festgehalten. Zuerst werden wie in der Straßenkehrer-Übung in jeder Ecke Kurven gezeichnet. Dann wird eine wellenförmige Linie oberhalb des Bogens hinzugefügt. Sowohl Rechts- als auch Linkshänder beginnen unten links am Bogen. Der Unterarm bleibt auf dem Papier liegen, während die Hand sich aus dem Handgelenk heraus bewegt. Danach wird unterhalb der gebogenen Linie eine wellenförmige Linie gezeichnet. Die Kinder können die wellenförmige Linie mehrmals nachzeichnen.

Die vierte Übung: DIE SCHLEIFEN

Die gleiche Papiergröße wie in Übung 3 wird hier benötigt. Wieder beginnen wir mit der Straßenkehrer-Übung. Dann fangen wir links an, im Gegenuhrzeigersinn Kurven oberhalb und unterhalb des Bogens und von links nach rechts zu zeichnen. Die Handbewegung folgt aus dem Handgelenk.

Nachdem eine Übung beendet ist, können auf das gleiche Papier auch Wörter oder Sätze geschrieben werden.

Die fünfte Übung: DIE FEDERN

Wir nehmen wiederum die gleiche Papiergröße wie in Übung 3 und beginnen mit der Straßenkehrer-Übung. Danach zeichnet man vorsichtig und langsam von oben nach unten und von links nach rechts oberhalb des Bogens schraffierte Linien ein, um einen „gefiederten“ Eindruck des Bogens zu erwecken. Als nächstes werden die gleichen Linien auch von oben nach unten und von links nach rechts unterhalb des Bogens eingezeichnet. Hier bleibt die Hand ziemlich still und nur die Finger bewegen sich.

Die sechste Übung: DER REGENBOGEN

Jetzt werden ein kleineres Stück Papier und farbige Stifte verwendet. Die Kinder sollen einen Regenbogen oder mehrere kleine Regenbögen mit einer Bewegung aus dem Handgelenk zeichnen und dabei den Arm ruhig auf dem Tisch liegen lassen. Prüfen Sie die Stifthaltung und bauen Sie, wenn nötig, weitere Übungen für die Fingerbeweglichkeit ein.

Die oben beschriebenen Übungen können mit einem Farbstift und mit kleineren Bewegungsgesten des Handgelenks wiederholt werden.

 

SCHATTIERUNGSTECHNIKEN

In den frühen Jahren der Waldorfpädagogik wurden in den unteren Klassen auch bestimmte Schattierungstechniken verwendet. Einige Kollegen behaupten heute, dass diese Techniken nur ab der siebten oder achten Klasse verwendet werden sollten. Ich denke, dass diese Aussage auf einem Missverständnis und einer Verwechslung mit den Schwarz-Weiß Schattierungstechniken beruht.
Schon ab der ersten Klasse können wir mit Kindern die „Regentropfen“ zeichnen , so dass kleine diagonale Farbstriche von oben nach unten und von rechts nach links gezeichnet werden, aber nicht umgekehrt, denn der Regen fällt ja auch immer von oben nach unten. Nach ein paar Übungsstunden können die Erstklässler die Techniken in einem kleinen Bild anwenden, zum Beispiel um das grüne Gras oder den blauen Himmel zu malen. Einige wollen immer gleich das ganze Bild damit zeichnen. Man sollte dafür nur kleine Papiergrößen (A6) verwenden.
Von den Kindern erfordert die Technik, ihre Handbewegungen und ihre Ergebnisse sorgfältig zu beobachten. Sie können damit zwar keine Konturen zeichnen und diese anschließend ausmalen, aber es wird für sie einfacher, Bilder von Tieren, Bäumen etc. zufriedenstellend zu zeichnen. Wenn der ganze Arm auf dem Tisch liegen bleibt, hilft die Technik auch, die Beweglichkeit des Handgelenks zu fördern. Das objektive Wahrnehmen der diagonalen Linie von rechts nach links wird zugleich durch den empfindenden Leib gestärkt. Es hat sich gezeigt, dass eine Klasse nach einer Pausen mit wilden Spielen im Freien, nach 5 bis 10 Minuten mit dieser Technik wieder zur Ruhe findet.
Quellen:

i Steiner, R. (1924): Die Kunst des Erziehens aus dem Erfassen der Menschenwesenheit. 2. Vortrag. Torquay 13. August 1924. GA 311

ii McAllen, A. (2012): Die Extrastunde: Zeichnen und Bewegungsübungen für Kinder mit Schwierigkeiten im Schreiben, Lesen und Rechnen. Verlag Freies Geistesleben. Stuttgart
Aus dem Englischen von Katharina Stemann